Zur Einführung
Vorspann Kein Reformprozess ist ohne das Wissen darum möglich, was eigentlich reformiert werden soll. Vor einer strukturellen Veränderung der NEK steht die Frage nach dem 'Wer sind wir?' Nur eine differenzierte Antwort auf diese Kernfrage kann sicherstellen, dass der Reformprozess nur dort greift und verändert, wo es erwünscht ist, sowie bewahrt und schützt, was zu bewahren ist. Deshalb hat die Reformkommission an den Anfang ihrer Arbeit Leitsätze zum Kirchenbild gestellt. Sie hat diese theologischen Leitsätze ergänzt durch Überlegungen zu Kirche und Geld. Nicht vergessen – der Ausgangspunkt Anlass für die Reform, an der wir arbeiten, war nicht die Unzulänglichkeit der Verfassung oder die Unzufriedenheit mit den gegebenen Strukturen der NEK. Anlass war und ist der Schwund der Mittel und damit der Möglichkeiten, am Bestehenden festzuhalten. Es geht darum, einer Entwicklung, die unabwendbar ist, mit theologischer Reflexion und eigenem Gestaltungswillen zu begegnen.Der Grundgedanke Kirche Jesu Christi, von ihren Anfängen an, hat sich als eine Gemeinschaft der Wechselseitigkeit und des Teilens verstanden:- Sie aber blieben beständig in der Apostel Lehre und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. [...] Alle aber, die gläubig waren geworden, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Und sie waren täglich und stets beieinander einmütig im Tempel und brachen das Brot hin und her in den Häusern, nahmen die Speisen mit Freuden und lauterem Herzen, lobten Gott und hatten Gnade bei dem ganzen Volk. Der Herr aber tat hinzu täglich, die gerettet wurden, zu der Gemeinde. (Apg 2,42.44-47)
- Theologisch reflektiert und ausgearbeitet ist dieses Bild des schönen Morgens in den Symbolen des einen Leibes mit vielen Gliedern (1.Kor 12) oder des Hauses aus lebendigen Steinen (1.Petr 2,4-10).
In dieser Grundfigur einer Gemeinschaft der Wechselseitigkeit und des Teilens sehen auch die Leitsätze das Maß unserer kirchlichen Dinge. Entfaltung 1. Dieser Ansatz wird nicht nur in den Leitsätzen selbst begründet und ausgeführt. Er bestimmt auch die Weise, wie sie erarbeitet wurden und im Reformprozess wirken sollen: Sie sind hervorgegangen aus vielen Gesprächen mit vielen Menschen und sind darauf angelegt, kommenden Entscheidungen über Strukturen und Prioritäten eine Grundlage zu geben, die dem 'beständigen Bleiben in der Apostel Lehre' ebenso entspricht, wie sie der Vielfalt des Lebens 'in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet' Raum und Rückhalt gibt. 2. Das begrenzt die berechtigten Erwartungen an die Leitsätze: Sie sind nicht nur angewiesen, sondern angelegt auf Gespräch und Verständigung. Alle dahin gehenden Erwartungen bestehen zu Recht. - Eben darum aber auch schreiben die Leitsätze nicht einfach vor, in welchen konkreten Strukturen 'Kirche’ sich organisiert; denn nicht die Bildung solcher Strukturen (als wären sie Gegenstand des Glaubens), sondern die Bildung des Urteils im Hinblick auf diese Strukturen ist Sache der Theologie. Erwartungen, die darüber hinausgehen und die empirische Gestalt der Kirche unmittelbar theologisch legitimiert oder sanktioniert sehen wollen, werden enttäuscht. Aber sachgemäß enttäuscht: Nicht Rentamt noch Kirchenkreis, nicht Region noch Parochie, nicht Frauenwerk noch Gemeindedienst, ja nicht einmal das Pastoralkolleg stehen in der Heiligen Schrift oder im Glaubensbekenntnis. Anders gesagt: Die Leitsätze nehmen Prioritätenentscheidungen nicht vorweg ... und nicht ab. Sie sind eine Hilfe zur Entscheidungsfindung. - Im Einzelnen: 3. Die Grundlegung (I) fundiert das Verständnis von 'Kirche’ in einer großen Freigabe: Entscheidend ist die unverkürzte, unverfälschte Verkündigung des Evangeliums in Wort und Sakrament - an welchen Orten, in welchen empirischen Formen auch immer. Die darin eröffnete Weite ist dennoch nicht beliebig, sondern an Grundkriterien gebunden. Werden die (oder auch nur eines von ihnen) vernachlässigt, ist es um die Wahrhaftigkeit und die Weite kirchlichen Lebens in der Vielfalt seiner Formen selber geschehen. - Diese Grundkriterien sind: - Evangeliumsgemäßheit
Leben aus der Wahrheit und Leben für die Wahrheit des Evangeliums. - Relevanz
Deutlichkeit, Verständlichkeit und Glaubwürdigkeit im Verhältnis der Kirche zur Welt, zu der sie selber gehört. - Ökumenizität
Aneinandergewiesensein und Verbundenheit in Verschiedenheit nach 'innen’ wie nach 'außen’.
4. Diese drei Grundkriterien bestimmen das Leben und Wirken der Kirche in allen seinen Entfaltungen. Deren Vielfalt gewinnt Kontur in vier Dimensionen, die zu unterscheiden, aber nicht zu trennen, sondern konstitutiv aufeinander bezogen sind: - Im Feiern der Gegenwart Gottes (Leiturgia)
- Im Freimut des Bezeugens (Martyria)
- Im Stiften von Gemeinschaft (Koinonia)
- Im Dienst an den Nächsten (Diakonia)
Nicht an jedem Ort und zu jeder Zeit entfaltet das kirchliche Leben sich gleichgewichtig in diesen vier Dimensionen. Keine aber darf verkümmern oder ganz ausfallen – etwa so, dass 'Feiern’ und 'Gemeinschaft’ den Dienst an den Nächsten und den Freimut des Bezeugens vergessen lassen. Oder auch umgekehrt: Dass kämpferisches Engagement sich vom gottesdienstlichen Leben abschneidet und sektiererisch wird. 5. Die Entfaltung kirchlichen Lebens und Wirkens im Zusammenspiel dieser vier Dimensionen verlangt Strukturen, die darauf angelegt sind, die Ebenen und Gliederungen binnenkirchlicher Organisation aufeinander zu beziehen und aneinander zu verweisen. Denn den allfälligen Tendenzen zu Introversion und Selbstabschließung zu widerstehen, ist nicht nur eine Frage 'subjektiv’ guten Willens; dieser gute Wille braucht 'objektiven’ Rückhalt im Aufbau der Institution. Alle Ideen zur Neuordnung unserer Kirche sind unter diesem Gesichtspunkt zu prüfen. 6. Dazu kommt ein ebenso wichtiger anderer: Es geht um die innere Ordnung der Kirche nicht um ihrer selbst, sondern um des Auftrags willen, das Evangelium als 'Gottes kräftigen Anspruch auf unser ganzes Leben' zu bezeugen. Darum ist entscheidend und zu unterscheiden, auf welchen Kontext sich kirchliches Handeln bezieht. Kirche kann und will sich auch in ihren Formen und Strukturen nicht dem entziehen, was in der Gesellschaft der Fall ist. Das heißt konkret: - Die Kirche lebt im Spannungsfeld der Polaritäten heutigen Lebens, in denen sich Menschen zurechtfinden müssen. Zum Beispiel:
- Mobilität - Heimat
- Individualisierung - Verbindliche Gemeinschaft
- Traditions- und Partizipationsabbruch - Verlässliche Formen
- Kommerzialisierung - Wert-Schätzung ...
Es ist die besondere Verantwortung der Kirche, dem Leben in und mit den Ambivalenzen unserer Zeit Raum, Rückhalt und Geleit zu geben. - Diese Verantwortung schließt konkrete Parteinahme nicht aus, sondern ein – vorausgesetzt, sie ist 'an drittem Ort’, nämlich im Evangelium begründet. So häufig von der Kirche erwartet wird, dass sie sich klar auf eine Seite der Polaritäten stellt, so entscheidend ist, dass sie nicht als Gefangene vorgegebener Alternativen, sondern in der Freiheit Position bezieht, zu der das Evangelium befreit.
- Angesichts der Spannungen, in denen es gilt, Orientierung zu finden, bedürfen wir umso mehr der Vielfalt unterschiedlicher kirchlicher Handlungsformen, die gleichwohl aufeinander bezogen sind. Diese Vielfalt-in-Verbundenheit ist die Antwort der Kirche auf die Gefährdungen einer Gesellschaft, die - und sofern sie - in verschiedene, voneinander getrennte Milieus zu zerfallen droht. Das besagt und verlangt, dass die Kirche
- ihr ortsgemeindliches Leben entsprechend ausrichtet,
- Orte aufsucht, die ihr fremd sind,
- sich ihres Zeugnisses am fremden Ort nicht schämt,
- erfinderisch ist bei der Suche nach neuen Zugängen zu den Menschen in jeweils geeigneten Formen kirchlichen Handelns.
- Entsprechendes gilt im Hinblick auf die Verschiedenheit der Lebenswelten in städtischen und ländlichen Räumen. Ihr Rechnung zu tragen, wird die Kirche ihren Auftrag in regional verschiedener Gestalt wahrnehmen müssen - verbunden aber in der Überzeugung, dass das Evangelium nur je und je konkret zu Menschen spricht. Zum Glauben kommt es nicht irgendwo, sondern wo das Evangelium von Jesus Christus die Menschen in ihren Verhältnissen trifft.
Zusammengefasst Gemeinde Jesu Christi braucht verschiedene Gestaltungsformen - in Ortsgemeinden, Gruppen, Regionen, Diensten und Werken, Einrichtungen. Die drei Grundkriterien Evangeliumsgemäßheit, Relevanz in der Welt, Ökumenizität und die vier Dimensionen kirchlichen Lebens und Wirkens Leiturgia, Martyria, Koinonia und Diakonia können in all diesen Gestaltungsformen je verschieden zum Tragen kommen. Kritisch zu fragen ist, ob und inwieweit das in den Reformkonzepten der Fall ist, an und mit denen wir arbeiten wollen.
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